Normal sein kommt nicht in Frage

Die Premieren der aktuellen Spielzeit rücken den Menschen ins Zentrum. Jeder Mensch ist König:in. Die Protagonist:innen dieser Werke sind Menschen aus sehr unterschiedlichen Kontexten, häufig am Rand der Normalität.  Wir fordern den Blick auf das Andere heraus, auf das Besondere abseits der Norm.

Die Antike, mit ihren Denkern und Theorien, ist die Wiege der institutionalisierten Gemeinschaft. Aristoteles beobachtet die Menschen in ihrer Lebenswelt und stellt fest, dass sie eine Tendenz besitzen, sich mit anderen Menschen zu Gemeinschaften zusammenzuschließen – „zoon politikon“, der Mensch als soziales und politisches Wesen.

Nun ist es nicht so, dass der Mensch nicht temporär alleine leben könnte, aber nach Aristoteles kann er sich innerhalb einer Gemeinschaft besser verwirklichen und seinen ihm innewohnenden Daseinszweck erfüllen. Das, was im aristotelischen Verständnis zusammenfällt, Verwirklichung des Individuums und Leben im Miteinander, wird in der heutigen Zeit scheinbar zum Paradoxon: Der Mensch sehnt sich nach Gemeinschaft, aber dieses Bedürfnis kollidiert mit dem Wunsch nach individueller Entfaltung.

Der Einzige, der nachhaltig verhindert, dass der Mensch sich entfalten kann, ist dann der Mensch selbst.

Denn Kollektive tendieren dazu, Abweichungen zu sanktionieren. Menschen verbieten einander, ihr Anderssein offensiv auszuleben. Dies geschieht aktuell. Vor allem in Gemeinschaften, die dazu neigen, sich im öffentlichen Diskurs zweizuteilen — in eine Mehrheitsgesellschaft und eine Minderheitsgesellschaft. Teile der Mehrheitsgesellschaft etikettieren dann Themen einer Minderheitsgesellschaft als Nischenthemen, um deren Relevanz in Frage zu stellen. Sogenannte Minderheitenthemen gibt es viele. So viele, wie es Menschen in einer Gesellschaft gibt: genderungerechte und minderheitenungerechte Sprache, soziale Benachteiligung aufgrund von Herkunft, Homonegativität, Verfolgung aufgrund von religiösem Fanatismus, Antisemitismus, Benachteiligung aufgrund von Migrationsgeschichte oder Rassismus. Wenn diese Themen diskutiert werden, greift häufig folgendes Prinzip: Wir — die Mehrheitsgesellschaft — bemessen die Relevanz eines Themas und folglich auch die gemeinschaftlichen Anstrengungen, die wir gewillt sind, zur Lösung aufzuwenden, daran, wie relevant das Thema für uns – die Mehrheit – ist.

Wenn der Mensch ein „zoon politikon“ ist, ein soziales Wesen, das auf die Fürsorge und Anerkennung anderer fundamental angewiesen ist, dann darf der Zusammenschluss aus Menschen zu einer Gemeinschaft die jeweilige Minderheit nicht als Bedrohung ansehen. Wir müssen gemeinsam das „Abenteuer des Zusammenlebens“ bewältigen, so der bulgarisch-französische Schriftsteller Tzvetan Todorov in seinem gleichnamigen Buch von 1996. Denn eine plurale, liberale Gesellschaft, wie wir sie sein wollen, profitiert vor allem von ihren Alleinstellungsmerkmalen — eben Pluralität und Liberalität.

Minderheiten sind das Andere. Es ist das Besondere, das höchste Gut. Eine Gesellschaft muss ihre Unterschiede feiern, sonst existieren sie nicht. Jeder Mensch ist König:in.

Die Premieren der aktuellen Spielzeit schärfen den Blick für das Andere.  Normalsein muss nicht das gesellschaftliche Ziel bleiben.

 

Autor: Christopher Warmuth